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Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

von Eva Markert


Die beiden Männer hatten sich den ansteigenden Weg bis nach oben
gekämpft. Dort hatten sie den Rollstuhl abgestellt, um langsam noch ein
Stück weiter zu gehen. Nun standen sie nahe am Abgrund unter dem mächtigen
toten Baum. Von dort aus konnten sie den Mond betrachten und ins Tal
hinunter sehen.
Die Männer schwiegen. Auch um sie herum war es totenstill. Das Tal lag unter
einem dichten Dunstschleier. Reichlich goss der Mond sein milchiges Licht
darüber aus. Alles Leben war in diesem trüben See aus Mondschein und Nebel
ertrunken: die Häuschen, die Bauerngärten, die Ställe, das Vieh.
Ausgelöscht waren auch die Farben. Schwarz zeichnete sich der halb
entwurzelte, kahle Baum gegen den fahlen Himmel ab. Noch streckte er wie
schützend seine knochigen Astarme über die beiden Menschen aus, aber er
hatte den festen Halt im Erdreich schon längst verloren. Seine knorrigen
Wurzelfinger ragten hilflos in die Luft.
In dieser schwülen Hochsommernacht bewegte sich nichts. Wie von ferne hörte
man die dunklen Geräusche des nächtlichen Waldes. Erdiger, feuchtwarmer
Modergeruch hing schwer über den beiden Männern. Sie trugen Mäntel.
Einer von ihnen fröstelte. Er war von schmächtiger Gestalt und musste sich
schwer auf den anderen stützen. Sein gebeugter Rücken schien seine Last kaum
noch tragen zu können.
Der andere Mann sah so aus, als hätte er noch viel Leben vor sich. Er
war gesund und kräftig und stand aufrecht auf seinen stämmigen Beinen. Weit
blickte er über das Tal hinweg.
Es waren Zwillingsbrüder, die da so still beieinander standen. Endlich
wandte der gebrechliche alte Mann seinem Bruder sein
eingefallenes Gesicht zu. Er atmete mühsam. "Danke", keuchte er, "dass du
mich hierhin gebracht hast. Ich habe den Blick von hier oben immer so sehr
geliebt."
Sein Bruder nickte ihm kurz zu. Wieder verstummten beide und versanken
im Anblick dieser Mondnacht.
"Es ist Vollmond", murmelte der Kranke schließlich zwischen zwei Atemstößen.
Sein Bruder antwortete nicht, aber seine energischen Augenbrauen zogen sich
noch ein wenig enger zusammen.
"In einer Nacht wie dieser ...", flüsterte der andere. Er rang nach Luft,
und das Pfeifen seines Atems beschleunigte sich.
Die breite Schulter, auf die er sich stützte, zuckte. Unwillkürlich
verstärkte der Kranke den Zugriff seiner klauenartigen Hand.
"Nicht wahr, du denkst auch daran?" fragte er leise. Über sein knöchernes
Gesicht spannte sich wächserne Haut.
Sein Bruder antwortete wieder nicht. Angestrengt blickte er ins Tal
hinunter, als wollten seine scharfen Augen bis auf den Grund des Mondsees
schauen.
Der Kranke wurde von einem Hustenanfall geschüttelt. Mit seiner freien Hand
tastete er nach einem Taschentuch und presste es an seine schmal gewordenen
Lippen. Es hatte rote Flecken, als er es wieder in die Manteltasche steckte.
Sein Bruder sah ihn an und erschrak. Der Kranke atmete stoßweise mit offenem
Mund. Seine Zähne schienen viel zu groß für sein kleines Gesicht. Im weißen
Licht des Mondes sah es so aus, als wäre es ein Totenschädel, der da zu ihm
sprach.
"In einer Mondnacht wie dieser hast du es getan", sagte der Totenkopf mit
heiserer Stimme, "damals, vor vielen, vielen Jahren."
Abwehrend hob der Bruder die Hände.
"Ich weiß es", klang es ihm schwach, jedoch unerbittlich entgegen. "Ich habe
mein Leben lang geschwiegen - um deinetwillen - aber ich habe es immer
gewusst."
"Nichts weißt du!" brach es plötzlich heftig aus dem anderen hervor. "Es
begleitet mich immer, erfüllt mein Leben mit Trübsal und Zweifel und
ängstigt mich in jeder Mondnacht."
"Tu's noch einmal", wisperte der Kranke, so als ob er nicht gehört hätte.
Sein Bruder wich zurück. "Niemals!" rief er aus.
Der hinfällige alte Mann verlor das Gleichgewicht und schwankte auf seinen
dünnen, unsicheren Beinen. Hätte der Bruder ihm nicht seinen starken Arm
gereicht, so wäre er gestürzt.
"Dann wird endlich alles dir gehören, dir und deiner Familie", raunte der
Kranke fast unhörbar.
"Was ich wirklich besitzen will, das habe ich auf ewig verloren", antwortete
sein Bruder bitter. "Ich möchte wieder Frieden empfinden unter dem
Sternenhimmel einer verschneiten Nacht und Hoffnung, wenn ich einen
blühenden Baum sehe. Ich möchte mich wieder freuen können an Mohnblumen in
einem sonnigen Ährenfeld und mich erfrischt fühlen, wenn ich durch den
kühlen Herbstwald wandere."
"Du musst es tun!" drängte der Kranke erbarmungslos.
"Warum tust du es nicht selbst?" fragte sein Bruder, von plötzlichem Zorn
übermannt.
"Weil ich nicht mehr die Kraft dazu habe", hauchte der gebrechliche alte
Mann. "Ich habe nicht einmal mehr die Kraft zu stehen. Hilf mir, dass ich
mich setzen kann!"
Sein Bruder hielt ihn fest an den Händen, als er sich vorsichtig auf
den Boden gleiten ließ. Leise knackten die dürren Zweige und trockenen
Tannennadeln unter ihm.
Dann wandte sich der große Mann wieder ab und blickte ins Tal hinunter.
"Schau her!" forderte der Kranke. "Sieh mich an!"
Widerwillig wandte sich der Bruder um. "Deine Lage ist nicht so hoffnungslos
wie Vaters Zustand es war", wandte er ein.
Der Kranke aber blieb unerbittlich. "Vater war nicht verzweifelt. Er wollte
noch nicht sterben", sagte er, und seine Stimme klang plötzlich viel fester
als vorher. "Ich aber, ich möchte jetzt gehen."
"Was du über Vater sagst ist nicht wahr!" rief der andere erregt. "Vater
litt unmenschliche Qualen!"
"Vater glaubte noch an seine Rettung", sagte der unheilbar Kranke. "Ich aber
weiß, dass ich verloren bin."
"Vater wusste auch, dass er nicht mehr geheilt werden konnte", widersprach
sein Bruder heftig. "Er wusste, dass sich die Krankheit bereits überall hin
vorgefressen und bis in alle Winkel seines Körpers verästelt hatte. Er wäre
elend zugrunde gegangen, wenn ich nicht ..."
"Er hoffte noch auf ein Wunder", unterbrach ihn der vom Tode gezeichnete
Mann. "Du aber hast heimlich die Kräuter gesammelt. Du hast ihm den Trank
gemischt, hast ihm den Becher gereicht und ihm geholfen, das giftige Gebräu
zu trinken. Dann hast du dich an sein Bett gesetzt und auf seinen Tod
gewartet."
Sein Bruder machte einen hastigen Schritt nach hinten. "Er ist ganz ruhig
eingeschlafen!" rief er beschwörend. "Ich musste ihm helfen! Ich wollte ihm
doch nur helfen!"
"Und du wolltest ... Du wolltest ...", röchelte der todkranke alte Mann.
Seine Stimme begann wieder zu zittern.
Noch einmal wich sein Bruder einen Schritt zurück.
"Du wolltest nicht mehr warten", sprach der Todgeweihte weiter. Seine
Stimme klang plötzlich ganz seltsam hoch. "Du wolltest Vaters Platz
einnehmen, auf dem Hof und ..."
Abwehrend hob sein Bruder die Hände. "Sprich nicht weiter, ich bitte
dich!" sagte er fast flehend.
Der vom Tode gezeichnete alte Mann ließ sich nicht beirren. "... und bei
seiner neuen jungen Frau", vollendete er den Satz.
Sein Bruder war einen Augenblick starr. Die greisenhafte Gestalt am Boden
hielt seinen Blick mit übergroßen dunklen Augen fest. "Tu's noch einmal",
wiederholte die fistelhafte Stimme. "Tu's sofort! Sammle die Kräuter, hier
und jetzt, und bereite den Trank zu, noch heute Nacht."
"Ich kann nicht!" stammelte der Bruder.
Im Inneren des Sterbenskranken blähten sich erneute Hustenkrämpfe auf.
Er war jedoch zu schwach, um gegen die Gewalt des Hustens anzukämpfen, aber
auch zu schwach, ihr nachzugeben.
Hilflos blickte der kräftige Mann auf das Bündel Mensch, das sich vor ihm
auf dem Boden krümmte.
"Tu's!" hechelte der Sterbende, als er wieder genug Atem hatte. "Sonst
werde ich ... werde ich ..."
"Nein!" brach es aus seinem Bruder hervor. Weiter, immer weiter wich er
zurück.
"...sonst werde ich es deiner Frau und deinen Kindern sagen" drohte der
andere unter erneuten Hustenstößen. Er sprach mit Mühe, aber entschlossen.
"Nein!" stöhnte sein Bruder noch einmal. Blind vor Entsetzen trat er hastig
nach hinten. Dabei stolperte er über die hochstehenden toten Baumwurzeln und
stürzte rücklings ins Tal. Seinen Schrei erstickte der Mondnebel sofort.

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