Zwischen zwei Welten 2
von
Lilly
1
2
Alleine saß Lea auf einer kleinen Bank im Garten ihrer Mutter und sah zu wie der Wind die vom Herbst verfärbten Blätter von den Ästen der Bäume riss und wild mit ihnen spielte. Der Tag war trüb und die Wolken hingen tief, bald würde es Regen geben und der Winter würde früher kommen als sonst.
„Ich habe gehört, dass Isabella dich mitnehmen möchte.“
Erschrocken sah sie auf und erblickte ihre Mutter, die neben ihr stand. Sie hatte sie gar nicht kommen gehört. Erleichtert, dass es nur sie war, sackte Lea wieder zurück und sagte leise:
„Ja, sie fragte mich ob ich sie begleiten würde. Sie meinte, dass sie dann nicht alleine reisen müsste und ich etwas Abstand finden würde. Ich gab ihr noch keine Antwort.“
„Nach Schottland, nicht wahr?“
Lea nickte nur. Ihre Mutter nahm neben ihr Platz, ganz nah, und Lea roch den Duft ihrer weichen Seife.
„Schottland ist ein so wunderschönes Land, Lea… Wusstest du, das ich dort deinen Vater kennen lernte?“
Verwundert sah sie ihre Mutter an und meinte mit stockendem Atem, hörbar überrascht:
„Nein…, das habt ihr uns nie erzählt, ihr habt eigentlich nie davon gesprochen wie ihr zu einander fandet.“
Das schmunzeln um ihren weichen Mund, ließ sie wieder etwas jünger wirken.
„Wir hielten es für besser zu schweigen, zu viele Gerüchte waren im Umlauf.“
Sie blickte seufzend auf ihre Hände und drehte ihren goldenen Ehering am Finger.
„Ich war dort zu Besuch, als ich ihm begegnete. Eine Tante von mir, Gott sei ihrer Seele gnädig, lebte einst dort mit ihrem schottischen Mann.“
“Du hattest eine Tante die mit einem Schotten verheiratet war?“
Lea wollte ihre Überraschung über dieses Geständnis nicht verheimlichen. Ihre Mutter sah sie erstaunt an, und erklärte ihr ruhig:“ Ja, sie war die liebste Schwester meiner Mutter und wir besuchten sie oft. Damals wurden viele englische Frauen mit schottischen Männern verheiratet, musst du wissen, mehr als zur heutigen Zeit. Es war auf Geheiß des Königs, er sagte, um Frieden zu schaffen, Barrieren zu überwinden. Doch dein Vater war davon überzeugt, um die Blutlinien zu unterlaufen und um ihnen ihr Land zu stehlen“, schnell wechselte sie wieder das Thema und kam auf das eigentliche zurück:“ Meine Tante war eine großartige und überaus intelligente Frau. Sie war ganz anders, als der Rest meiner Familie. Sie war so offen und ehrlich, man konnte sie nur lieben… Ihr Name war Leathendra.“
„Ihr gabt mir ihren Namen.“
Ihre Mutter nickte und wurde wieder etwas traurig:“ Ja, sie starb einen Tag vor deiner Geburt. Leider hatten sie keine Kinder, ihre einzige Tochter, Lilly, wurde nur zwei Tage alt. Danach war sie nie wieder guter Hoffnung. Nach dem Tot ihrer Tochter reiste ich nach Edinburgh. Ich wollte ihr etwas zur Seite stehen, sie trösten, ablenken, nenne es wie du willst, und dort lernte ich dann auch deinen Vater kennen.“
Man hörte richtig wie sie begann zu träumen:“ Hm, er sah so unwahrscheinlich gut aus in seiner Uniform, doch am Anfang mochte ich ihn ganz und gar nicht. Sein Ruf bei den Frauen am schottischen Hof war sehr eindeutig und legendär, er machte auf mich einen fürchterlich arroganten und überheblichen Eindruck...“, ein leises Kichern, als würde ihr gerade ein pikanter Gedanke durch den Kopf huschen, unterbrach ihre Erzählungen.
„Vater und arrogant, das ist wie Feuer und Wasser?“
„Oh doch“, begann sie ernst:“ Er war ein hoch angesehener Soldat der englischen Krone, selbst im Feindesland überaus gerne gesehen, hauptsächlich bei den Hochländern, und das war ihm vollends Bewusst. Er war gerade dort um Verhandlungen mit dem schottischen König abzuhalten, er wollte ein Abkommen zur Unabhängigkeit Schottlands mit ausarbeiten. Schon seit Jahren arbeiteten sie daran, immer wieder stellte sich ihnen jemand in den Weg, doch er gab nicht auf. Er war in hohem Grade davon überzeugt, ihnen helfen zu können Frieden zu finden und man vertraute ihm. Und so war sein Stellenwert dort sehr hoch und die Frauen liefen ihm in Scharen hinterher. Er hielt sich immer bereit um dorthin zurückzukehren. Er liebte dieses unbändige Land und seine Menschen, auch wenn er es hier nie laut äußern durfte, war er dort mehr zu Hause als hier.“
„Brachte er mir deshalb ihre Sprach bei?“
Fragte Lea leise, denn erst jetzt, Jahre später begann sie das handeln ihres Vaters zu verstehen. Nie hatte sie nachgefragt weshalb, nie sein Tun in Frage gestellt. Er war doch ihr Vater, ihr Held, alles würde schon einen Sinn haben, alles rechtens sein und sie wurde nicht enttäuscht.
„Ja, er wollte irgendwann dorthin zurückkehren um ihnen zu helfen. Denn als König Eduard, den nach Jahren über seine Mutter ausgehandelten Friedensvertrag, wieder rückgängig machte, schien für ihn eine Welt zusammen zu brechen. Er glaubte alles war umsonst. Alles was er getan hatte, alles was er beinahe verloren hatte, war wegen eines Friedens, den der neue schottische König, eigentlich gar nicht wollte.“
„Aber Mutter, dann sind die Schotten ein überaus einfältiges Volk. Sie haben Frieden und geben ihn wieder auf?“
Überrascht über die Einstellung ihrer Tochter sah sie ihr eine Weile schweigend in die braunen Augen, bis sie dann belehrend meinte:“ Geh nicht so leichtfertig mit den Meinungen anderer auf Kurs. Wir sind nicht Schlauer als sie, nur mächtiger…, leider. Natürlich übermannt ihr Stolz und ihr Hochmut bisweilen ihr denken, doch das ist einer ihrer wenigen Fehler, wenn man es überhaupt so nennen kann, denn es ist auch ihr unausweichliches Naturell. Wir konnten nie offen mit euch darüber reden, doch ich habe immer gehofft, das wir euch und gerade dich, nicht so engherzig erzogen haben, Lea.“
Ihre Mutter erhob sich schwerfällig von der Bank und erklärte ihrer Tochter, die nun ihre Hände in ihrem Schoss anstarrte:“ Wir haben diesen Menschen unsagbar viel Leid zugefügt und tun dies noch immer, die Wahrheit erfuhr ich selbst erst als ich dort war. Wir zerstören einfach alles, selbst ihren Familienzusammenhalt. Der, wenn man ihn genau betrachtet, einmalig und wunderschön ist. Wir lassen sie verhungern, ermorden sie und vieles mehr. Wir drängen ihnen unser Leben auf, weil wir das als das einzig wahre und richtige Empfinden. Wir nehmen ihnen alles weg, selbst ihren Glauben. Sie verteidigen doch nur das was ihnen ist, was ihnen von ihren Familien hinterlassen wurde. Wir lassen ihnen kaum eine andere Wahl als kriegerisch zu reagieren.“
Auf einmal ging sie vor ihrer Tochter in die Hocke und umfasste fest ihre Hände. Lea spürte wie kalt ihre Finger waren, und blickte ihre Mutter an.
„Ich muss dir etwas erzählen, Lea, Gerüchte die mich erreichten, Gerüchte von denen man nur hoffen kann, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen.“
Lea schluckte schwer und biss sich schmerhaft auf ihre Unterlippe. Die Stimme ihrer Mutter machte ihr in diesem Moment unwahrscheinlich Angst. Sie war sich gar nicht sicher, ob sie es hören wollte, doch schien sie keine Wahl zu haben.
„Dein Vater war bei unserem König“, begann sie sacht:“ Er bat ihn darum, zurückkehren zu dürfen um seine
1
2
Kommentare
Julchen schrieb am 2008-05-16 23:31:30:
Boa, ich muss umbedingt gaaaaaaaaaaaanz schnell weiter lesen. Echt Gut!!!!!!!!!!!!!!
Meinen Respekt
Lulchen
Lilly schrieb am 2008-01-13 12:04:18:
Danke Marlen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Marlen schrieb am 2008-01-10 22:13:07:
Hallo Lilly,
also erst einmal habe ich MARGARITE gerade zuende gelesen und ich muss schon sagen, das ich schon laaaaaaaaaaannge nichts mehr so gutes, fesselndes und spannendes gelesen habe, du hast meinen Respekt! Eigentlich gebe ich keine Kommentare, weiß nicht warum, ist halt so, aber bei dir konnte ich nicht anders. Ich liebe deinen Schreibstil, deine perfekt ausgearbeiteten Charakteren, deine Helden, sogar die Bösewichte und so habe ich jetzt auch diese Geschichte begonnen zu lesen und ich bin wieder einmal überrascht, wie gut sie doch ist und das ohne ein Abklatsch der anderen zu sein.
Also lese ich jetzt weiter und vielleicht schreibe ich auch noch einmal ein Kommentar dazu....
GAAAAANZ LIEBE GRÜßE
Marlen
Kommentar hinzufügen