bei Nacht und Nebel oder a Graffitys night
von
Lesa
1
Bei Nacht und Nebel
oder
A Graffiti night
Wie ich diesen Geruch liebe. Dieses Gemisch aus Aerosol und Adrenalin in der Nacht...
Eine so große Gruppe waren wir noch nie, 15 Leute. Am Abend auf der Hip Hop Jam hatten sich immer mehr angeschlossen und so waren wir alle zusammen losgezogen. Eine eingeschworene Community von 15 Sprayern und ich war nicht ohne Stolz ein Teil von ihnen. Künstler, Poser, Rivalen zugleich Rebellen und Gestalter der öffentlichen Umgebung, deren Werk dort anfängt, wo die öffentliche Meinungsfreiheit aufhört, die in der Dunkelheit Kunstwerke erschaffen, die am Tage unmöglich wären.
„Wir sind zu viele!“ gab Kim, der Älteste meiner Crew zu bedenken „und wir haben Conrad dabei. Er hat noch zu wenig Erfahrung und ist erst 14!“ sprach er und schloss das Auto auf. Wir fuhren in ein Wohngebiet am Stadtrand. Dort ließen wir das Auto stehen und gingen zu Fuß weiter. Nach etwa 2 Kilometern erreichten wir unser Ziel, eine Schallschutzmauer der Autobahn. 10 Minuten hatte jede Crew für ihr Bombing, laut Absprache. Der Verkehr störte uns nicht weiter. Wir konzentrierten uns auf die Aktion. Handschuhe an, Dosen und Caps raus, vorziehen, Fill ins machen, Outline ziehen dann noch ein wenig Kosmetik. Fertig. Genau 10 Minuten, schnell und sauber.
Also packten wir die Dosen wieder in den Rucksack, während die anderen noch zu Gange waren. Der kleine Conrad stand Schmiere und war sichtlich nervös.
Er hätte gar nicht so angestrengt aufpassen müssen, denn die Wendung kam so abrupt, dass er es nicht hätte voraussehen können.
Just in diesem Moment machte ein Auto eine Vollbremsung und riss auf den Standstreifen rüber. Es war ein Stück an uns vorbeigezogen bis es zum Stillstand kam, das Blaulicht anging und der Wagen zurückfuhr.
„Die Bulln!“ Alle liefen auseinander. Wir ließen alles stehen. Der Wagen fuhr zurück, wir liefen also vor. Bis uns eine Taschenlampe von vorn den nächsten Schrecken versetzte. Einer der Polizisten war vorn ausgestiegen während der andere zurückgefahren war. Also ab über die Autobahn auf die andere Seite. Wir rannten in blinder Panik über die Straße. Es wurde immer heller, Scheinwerfer blendeten mich, eine Hupe, die durch Mark und Bein drang ertönte, ich rannte. Kurz darauf fand ich mich im Wald an den die Gegenspur grenzte. Die Polizisten waren uns nicht direkt gefolgt. Es raschelte im Laub und in den Gebüschen. „Ruven?“ – „Ja, Mann!“ antwortete ich, so fanden wir uns wieder.
Im Wald konnten wir nicht bleiben, zu nah am Tatort! Wir rannten gemeinsam weiter in Richtung Wohngebiet. Hinter uns blinkten immer mehr Blaulichter und man hörte Stimmen. Zu allem Überfluss fiel Conrad hin. Wie in einem dieser Filme, in denen der Hauptdarsteller bei der Flucht auf einer vollkommen ebenen Wiese einfach hinfällt und man sich denkt „wie unrealistisch, oder?! so ein Trottel!“ Aber es passierte tatsächlich genau so. Wir hatten alle Beine wie Pudding, ich zumindest. Aber er verlor die Nerven und sackte weg. Kim lief zurück und half ihm auf, dann rannten wir weiter. Der Rand des Wohngebietes war mit Hecken gesäumt und wir stürzten uns hinein.
Die Lunge brannte, die Hände zitterten und das Herz pochte, dass der Kopf zu platzen drohte. Die Stimmen wurden lauter, Autos fuhren umher, das Blaulicht flackerte und in der Ferne war Hundegebell zuhören. Conrad schluchzte leise. So verharrten wir. Eine Stunde, zwei Stunden, drei, vier Stunden.
Inzwischen war es ruhig geworden und die Sonne ging auf. Kim war irgendwann eingeschlafen und Conrad hatte sich wieder beruhigt, als wir uns durchgefroren in unseren verdreckten, zerrissenen Klamotten aus unserem Versteck wagten und auf den Weg zum Auto machten.
Was mit den 12 anderen passiert war wussten wir nicht. Wurde jemand geschnappt? War noch irgendetwas Wichtiges in meinem Rucksack?
Wir schwiegen die Fahrt über und ich war froh mit dem Schlüssel, der unter dem Blumentopf versteckt lag, leise die Tür aufzuschließen, um mich schnell rein zu schleichen, bevor meine Eltern aufstehen würden. Als ich meine Zimmertür hinter mir schloss hörte ich bereits erste Geräusche aus ihrem Schlafzimmer. Das war knapp!
Schnell zog ich mich aus, versteckte meine Klamotten legte mich endlich ins Bett und hoffte auf ein spätes Mittagessen, während ich meine Mutter in der Küche das Frühstück machen hörte. „Croissant, oder Brötchen? “ rief mein Vater. „Äh, Brötchen! Schau doch mal ob sie auch wieder Berliner im Angebot haben“. Einen Moment darauf fiel die Tür ins Schloss.
Es war dunkel, ich lag in meinem warmen, weichen Bett, ich war zu Hause, fühlte mich endlich wieder sicher. Alles war normal, wie immer. Ich schloss die Augen, jetzt erst bemerkte ich, wie müde ich war. Es wurde still...
„Wir sind zu viele!“ gab der Älteste meiner Crew zu bedenken „und wir haben Conrad dabei. Er hat noch zu wenig Erfahrung und ist erst 14!“ sprach er und schloss das Auto auf. Wir fuhren in ein Wohngebiet am Stadtrand. Dort ließen wir das Auto stehen und gingen zu Fuß weiter...
1
Kommentare
Amica schrieb am 2006-11-19 15:38:14:
Cool! Echt toll! Man fiebert richtig mit! Ich jedenfalls konnte nicht aufhören zu lesen - schade, dass er nur eine siete ist ^^ Trotzdem: Danke für diese Story!!
AmIcA
Franci schrieb am 2006-07-20 00:48:57:
voll spannend geschrieben, man fiebert richtig mit! bekommen wir noch mehr von dir zu lesen??
etro schrieb am 2006-07-18 18:28:52:
Gut geschrieben gefällt mir das writen das Thema einer story ist.
watsi schrieb am 2006-07-18 14:32:55:
Gut geschriebene Geschichte. Alles prima nachvollziehbar. Sehr gut die Beschreibung der nächtlichen Atmosphäre. Das Einstreuen von Fach-Jargon ist nicht überzogen, kommt gut und ist verständlich. Schön, auf diese Weise an einer Sub-Kultur teilhaben zu dürfen.
Der letzte Abschnitt ist dir sicher aus Versehen noch dazu gerutscht. Ein kleiner Tipp: ich lese alle Geschichten, egal wie lang, lieber, wenn sie in gut sichtbare Abschnitte aufgeteilt sind. Das ist angenehmer für die Augen und lädt zum nimmermüden Lesen ein. Hoffe, du schreibst noch mehr!
Kommentar hinzufügen