das Bündel
von
ellinida
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An einem regnerischen Herbstnachmittag, als ich allein im Wohnzimmer saß und fernsah, klopfte es an der Tür. Ich stand unwillig auf. Es lief gerade ein spannendes Golfspiel, life aus England. Seufzend trottete ich in den Flur. Ich machte auf und draußen stand der Nachbar.
"Ich glaube, das sollten Sie sehen", sagte er mit besorgtem Blick, "an ihrer Einfahrt liegt..."
Er drehte sich um und seine Worte wurden vom Regen verschluckt.
Ich nahm meinen Schirm und folgte ihm nach draußen. Und tatsächlich, am Ende meiner Einfahrt, neben den Wacholderbüschen, lag ein kleines Bündel. Ich blieb stehen. Seinen Inhalt ahnend, lauschte ich angestrengt nach einem Geräusch. Nichts war zu hören, ich bemerkte jedoch eine leichte Bewegung unter den Tüchern.
Als wir uns näherten und ich endlich über dem merkwürdigen Paket stand, stieß mir der Nachbar in die Rippen und meinte: "Kann eigentlich nicht ziemlich lange hier sein, ist nicht sehr nass."
Ich hielt den Schirm über das Kind. Sein Kopf war halb bedeckt, doch seine Füße strampelten jetzt frei im Nieselregen. Ich konnte es nicht wahrnehmen, so etwas geschah doch nur in Filmen. Ich stand nur da und versuchte meine Gedanken zu sortieren. War das vielleicht ein böser Scherz? Ich hätte noch länger unschlüssig so dagestanden, wenn mein Nachbar nicht wieder gesprochen hätte.
"Um Gottes Willen, jetzt tun Sie doch etwas. Es liegt schließlich in ihrer Einfahrt."
Wortlos bückte ich mich zu dem Winzling hinunter. Am Ende kniete ich auf dem nassen Boden. Vorsichtig beseitigte ich das Tuch, das über seinem Gesicht lag.
Ich blickte in die wohl blausten und freundlichsten Augen der Welt. In Augen, wie ich sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Das kleine Gesicht war von spärlichen dunklen Locken umrandet und die Haut selbst war noch runzlig und rot.
Als das Neugeborene mich erblickte, stieß es einen freudigen Jauchzer aus. Ich wich erschrocken zur Seite. Ratlos sah ich zum Nachbarn hoch, aber der blickte genauso ratlos wieder zurück. So standen wir dort im Regen, ratlos auf das Baby blickend, das friedlich auf dem Boden vor sich hin brabbelte.
Die Tropfen fielen jetzt schwerer und stärker auf unsere Schirme und allmählich wurde mir klar, dass ich etwas unternehmen musste. Ich hob das Bündel hoch und versuchte es an mich zu drücken, damit es nicht allzu nass wurde. Der Regenschirm fiel mir aus der Hand und so führte uns der Nachbar unter dem seinen bis zu meiner Haustür.
Als er Anstalten zu Gehen machte, bat ich ihn noch kurz zu mir herein.
"Ich schaffe das nicht alleine", flehte ich fast. Sein ausdruckloses Gesicht schien sich noch mehr zu versteinern, er versuchte jedoch freundlich zu wirken und sagte:
"Ich habe ihnen schon gesagt, das Kind steht jetzt unter ihrer Verantwortung, es lag in ihrer Ein-..."
In meinem Kopf fing es an zu pochen, ich wurde rasend und schrie ihn an:
"Das weiß ich selbst, dass die Einfahrt vor meinem Haus mir gehört, ich habe Sie ja nur um Hilfe gebeten, Sie alter Frosch!"
Und knallte ihm die Tür vor der Nase zu. Keine Flüche, keine Beschuldigungen und keine Wutausbrüche waren zu hören, als der Nachbar sich von meinem Haus entfernte. Ich sah ihn durch das Küchenfenster, wie er wortlos und mit ruhiger Miene durch seinen Garten lief und in seinem Haus verschwand. Ich sah auf das Kind in meinem Arm. Es war zusammengezuckt, als ich geschrien hatte und blickte nun etwas ängstlich.
Vielleicht war es überhaupt kein Neugeborenes, denn sein Blick war klar und suchte sich gezielt seine Betrachtungsobjekte aus. Wahrscheinlich schien auch seine Haut nur wegen der Feuchtigkeit so empfindlich. Ab welchem Alter konnten Babys eigentlich jauchzen?
Ich ging in der Küche auf und ab. Die große Wanduhr tickte unglaublich laut in der Stille vor sich hin. Ab und zu fuhr ein Auto die Strasse hinunter. Ich fühlte mich so einsam wie noch nie. In meinen Gedanken versunken, rammte ich den Tisch so heftig, das ein Glas, das am Rand stand, heftig hin und her wackelte und schließlich krachend am Boden zu Bruch ging. Ich wich den Scherben aus und taumelte ins Wohnzimmer.
Jetzt fing das Kind zu weinen an. Das quengelige Geräusch breitete sich in der Stille aus, wurde lauter und weinerlicher und gedieh letztendlich zu einem richtigen Heulen. Ich schaukelte das Baby ein bisschen hin und her, wie ich es schon einmal bei einer Bekannten gesehen hatte, doch das erwies sich als ein Fehler. Das Weinen wurde noch lauter und ich sah in seinen zahnlosen Mund, in die abgrundtiefe Quelle des Gebrülls und wünschte, es gäbe irgendwo einen Abschalteknopf oder wenigstens einen Lautstärkeregler um dieses tobende Geschrei einzudämmen.
Wie durch ein Wunder vernahm ich das heftige Klopfen. Ich hastete zur Tür und riss sie auf. Dort stand, in einen rosaroten Regenmantel gehüllt, die ältere Dame von nebenan. Sie war schon ziemlich alt, jetzt wo ich sie aus der Nähe sah. Ohne jeden Kommentar trat sie an mir vorbei über sie Schwelle, legte meinen Regenschirm, den sie von draußen mitgebracht hatte auf den Beistelltisch im Flur und ging zielstrebig ins Wohnzimmer. Verdutzt versuchte ich ihr zu folgen, stolperte aber über den Teppich und musste mich gegen die Wand lehnen, um nicht hinzufallen.
"Um Himmels Willen!", stöhnte sie. In meiner Nachbarschaft waren wohl alle sehr gläubig. "Geben Sie mir das Kind, Sie Stümper! Können Sie denn nicht aufpassen, das kleine Kind, ojeoje..."
Sie nahm mir das Baby kopfschüttelnd ab. Ich ging in die Küche und holte mir ein Glas Wasser. Ich dachte mir, sie hätte vielleicht auch Durst und füllte noch eines. Als ich wieder im Wohnzimmer war, saß sie gemütlich mit dem Kind auf dem Schoss auf dem Sofa und schien sich mit ihm zu unterhalten. Sie blickte auf, sah das Wasserglas in meiner zittrigen Hand und fuhr mich wieder an:
"Beschäftigen Sie sich nicht mit mir, sehen Sie nicht, dass das Kind Hunger hat?"
Ich sah sie entgeistert an, was erwartete sie jetzt von mir? Sie bemerkte wohl meine Unwissenheit und wurde direkter:
"Mein Gott, machen Sie doch etwas Milch warm. Aber nicht zu heiß, testen Sie sie auf ihrem Handgelenk. Lauwarm soll sie sein."
Erleichtert lief ich wieder in die Küche, setzte einen Topf mit Kuhmilch auf die Herdplatte und wartete. Als ich sie abschaltete, fiel mir ein, dass ich gar keine Flasche hatte, um die Milch hineinzugießen. Mit fast schuldbewusstem Blick ging ich ins Wohnzimmer.
"Ich habe keine Flasche... für die Milch..."
"Dann gehen Sie eine kaufen", sagte sie unbeirrt, "die Apotheke müsste noch geöffnet sein."
Wie in Trance griff ich nach Schirm und Mantel und trat vor die Tür. Bevor ich sie zuzog und mir einfiel, dass ich keine Schlüssel hatte, rief sie noch vom Wohnzimmer aus:
"Bringen Sie eine mittelgroße, wenn es geht nicht aus Plastik!"
Ich ließ die Tür ins Schloss fallen und hastete die glitschige Strasse hinunter bis zur Kreuzung. Ich betrat die Apotheke, verlangte nach der besagten Flasche, bezahlte und trat wieder in den Regen. Ein
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Kommentare
ellinida schrieb am 2006-06-04 20:14:04:
vielen dank für eure kommentare (und komplimente) , hab mich sehr gefreut. auch schönen dank für die tipps wölfchen, ich werd's mir überlegen...
KleinesKuecken87@aol.com schrieb am 2006-06-03 17:40:24:
oh die geschichte find ich total niedlich ^^
formal sind mir zwei sachen aufgefallen,die ich persönlich anders machen würde,ansonsten: sehr sauber gearbeitet,wenig fehler usw.
1. kuhmilch - wenn du einfach nur milch schreibst,nimmt man eigentlich an,dass es sich um normale Kuhmilch handelt. ich würde schreiben sowas in der art: frische milch aus dem guten alten pappkarton
2. seelisch.... nichts und niemand schläft seelisch,sondern selig *gg*
inhalt:
wie schon gesagt,ne wahnsinnig niedliche und traurige geschichte zugleich,kurz gehalten (jaja ich weiß,dass es eine kurzgeschichte ist) und die alte hat mir auch gefallen *lach*
bei dem namen des protagonisten musste ich lachen. ha der einen tieferen sinn?maikäfer klingt glücklich,was der kerl aber nicht ist. man könnts aber auch interpretieren als das frühlingserwachen der neuen vätergefühle des mannes. vielleicht ist aber auch einfac kein besserer eingefallen *gg*
ich find die geschichte im großen und ganzen toll,hat mir gefallen,aber könnte sich der herr maikäfer noch gegen das kind entscheiden?ich würde auf eine fortsetzung an deiner stelle verzichten und als ende nehmen,dass der herr maikäfer dem süßen mädel lächelnd ansieht.
der andere punkt ist,dass es schon interessant wär zu wissen wo das kind hergekommen ist,da könnte eine fortsetzung sehr gut passen. ich denke es kommt darauf an,wo du mehr wert in deiner geschichte legst... das geheimnis um das mädchen oder der zutiefst verletzte vater,der am ende wieder lieben lernt.
hilfe,was schreib ich da eigentlich? :o) viel spaß noch beim schreiben,Wölfchen
Leanyka schrieb am 2006-06-03 17:27:58:
Hi,
eine sehr schöne Geschichte. Gefiel mir, obwohl so etwas eigentlich nicht mein Ding ist. (Das ist dann ein Kompliment) ;-)
lieben Gruß,
Leanyka
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