drei mal habe ich auf die Uhr gesehen
von
giselle
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Dreimal habe ich auf die Uhr gesehen, aber ich weiß wieder nicht wie spät es ist. Vielleicht wollte ich nur bekunden, dass ich nicht ewig Zeit habe, dass ich gefragt bin, auch andere Menschen nach mir verlangen, dass wir das hier mal beenden müssen. Dabei habe ich mir absichtlich heute nichts mehr vorgenommen, außer dem Theaterbesuch heute Abend mit Sonja. Aber zum glück geht das Simon ja nichts an. Simon schaut mich fragend an, ich habe wohl lange nichts mehr gesagt. „hast du Hunger?“ fragt er. Ja, denke ich, und wundere mich über die frage. Wir haben gerade beide zwei Stück Kirschkuchen gegessen. Ich schüttel den Kopf, ich habe keine Lust mehr zu essen, er sieht mich dabei immer so an, als wäre ich ein Nagetier.
Ich schaue auf die Uhr und komme mir langsam albern dabei vor. Sicher wäre es am besten, einfach zu gehen, eilig zu tun, nur wie, wenn man gar nicht weiß, was man mit dem Rest des Tages machen soll. „du, ich muss dann los“ sage ich irgendwie ungeschickt, raffe meine Sachen zusammen, krame ein kleines bisschen zu hastig ein paar Münzen aus der Hosentasche, drücke meine backe an seine, grinse flüchtig und schiebe mich durch die Glastür in die laue Novemberluft. Die Kirchenuhr zeigt mir erschreckende zehn vor neun an, es ist früh, zu früh für mich, ich würde zurück ins Bett kriechen, wenn ich jetzt noch schlafen könnte. Als ich mich noch mal umdrehe, sehe ich Simon hinter der Fensterscheibe, er trinkt Kaffee, und sieht aus, als hätte er die ganze Zeit alleine dort gesessen.
Am Ende der Straße bleibe ich erneut stehen und überlege nun, da mich Simon nicht mehr fragend anblicken kann, was ich mit dem Tag anfangen könnte. In den Zoo gehen oder in den kleinen Buchladen am Hafen, in dem es immer nach Lavendel riecht. das würde jetzt gut passen. Ästhetisch, aber auch vom Gefühl her.
Vor dem Theater habe ich mich auf eine Bank gesetzt und auf Sonja gewartet. Sie kam spät, und ich war schon sehr früh da gewesen, darum erschien mir das warten so lang. Ich habe mir eine Zeitschrift gekauft, weil ich nicht mehr denken wollte, mich in ein Cafe gesetzt, in dem ich dann noch mehr Kaffee getrunken Kuchen gegessen habe und erfuhr, dass es frau gut bekommt, mal was ganz verrücktes zu machen. die eigene rolle und die lästigen Verpflichtungen einmal zu vergessen und etwas zu tun, was niemand erwartet hatte. Da mir nichts einfiel, las ich anderswo weiter. da ging es um Schreiben. Das habe ich immer gehasst. schreiben sei gut für die Seele und würde befreiend wirken, hieß es dort auch. und Notizbücher, mit denen das besonders gut funktioniere, wurden sogleich auf der nächsten Seite angepriesen. Nach dem ich durch drei Papierwarenläden gelaufen war, fand ich das mit dem waldgrünen Samtbezug und saß acht Stunden auf der Bank vor dem Theater und versuchte, mitten im November den ganzen tag draußen auf einer Bank zu sitzen und –da ich nicht verliebt bin- Tagebuch zu schreiben. Als Sonja vor mir stand, war ich noch nicht sehr weit gekommen. „hey, ist dir nicht kalt, wollen wir schnell rein“ rief sie griff nach meiner hand und zog mich ins Foyer.
Ich habe sie immer schon gern gehabt. Ich mag es, wenn Menschen mich an die hand nehmen, und auch, wenn sie viel reden.
Als ich aufwachte, saß Sonja rauchend auf der Fensterbank. Die Blumentöpfe hatte sie beiseite geschoben, die Beine angezogen, ihr Kopf lehnte an der Fensterscheibe und der Rauch kam so langsam aus ihrem Mund, dass es aussah, als wäre sie eingeschlafen. Sonja war schön. Sie gehörte zu den Menschen, die auf Fotos hässlich wirken, die man nach der ersten Begegnung sofort wieder vergisst, und die irgendwann einfach zum eigenen Leben gehören. Simon hatte sie nie gemocht, und auch Sonja legte immer die Stirn in Falten, wenn ich von ihm sprach. Er stünde mit einem Bein zuviel auf dem Boden, sagte sie immer.
Der Himmel war leuchtend grau, das Licht blendete, und ihre Lippen wirkten noch roter als sonst. Ihr Busen zeichnete sich unter dem gestreiften Pyjama ab und ihre Füße waren nackt und weiß. Sie sah zu mir herüber, fing meinen Blick ein, ich fühlte mich ertappt, sie lächelte, und wand sich wieder ab. Ich beschloss endlich aufzustehen, ich wusste nicht wie spät es war, denn Sonja hatte bei ihrem Einzug alle Uhren abgeschafft. „wozu?“ sagte sie immer nur. Ich zog mich an, Jeans wie immer, im Spiegel sah ich Sonja und sah, dass auch sie mich ansah. Einen Moment lang hielt ich ihrem Blick stand, dann grinste ich und machte uns Kaffee. Ich fragte mich, wie lange Sonja da noch auf der Fensterbank sitzen wollte. Sie liebte diesen Platz, man könne so gut die Wolken beobachten, und die Regentropfen am Fenster, deshalb saß sie bei schlechtem Wetter immer besonders lange dort und rauchte. Ich setze mich auf einen Stuhl, trank Kaffee und versuchte, ihre Gedanken zu lesen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass man Gedanken lesen kann, aber ich probiere es dennoch immer wieder. Ich hasse es, wenn ich nicht weiß, was mein Gegenüber denkt. Sonja kaute inzwischen auf ihrer Unterlippe und es machte mir Spaß, sie zu beobachten. Manchmal wünschte ich mir ebenso rote Lippen.
„Du hast zuviel getrunken, warum gehst Du nicht nach Hause?“ Simon war sauer. Es waren viele Leute da, aus der ganzen Welt, Simon war schließlich Kosmopolit, er reiste gern und viel und beherrschte fünf Sprachen. Der Typ, der aussah wie ein russischer Geheimagent, gefiel mir gut, und auch ich habe an dem Abend mit dem kurzen schwarzen Rock viele Blicke auf mich gezogen. Ich unterhielt mich mit Thomas, redselig und unattraktiv wie immer, Simons bester Freund. Als ich Getränke geholt hatte, war ich gestolpert und der Russe hatte mich aufgefangen. Wir sprachen englisch miteinander, und küssten uns. Als ich mich übergeben musste, war ich auf den Balkon gestürzt, Simon hinterher. „Lass mich, Du bist doch nur eifersüchtig!“ grunzte ich, es ging mir schon besser. Simon legte den Kopf schief und seufzte. „Das mit uns ist doch lange vorbei, ich ruf Dir jetzt ein Taxi.“
Als ich am nächsten morgen aufwachte, war der Russe weg. Ich wusste nicht mehr, ob er noch mit zu mir gekommen war, oder ob ich das nur geträumt hatte.
Tagelang war ich durch die Straßen gestreift, ich brauchte Arbeit ich hatte kein Geld mehr, mit der Miete war ich einen Monat im Rückstand, und auch das Brot mit Tomaten konnte ich auch nicht mehr sehen. Sonja gab sich viel Mühe und backte immer neue Sorten, kaufte mal Rispentomaten, mal Cherrytomaten, mal Strauchtomaten, aber der Appetit war mir vergangen. Es war mir egal, was ich machen würde, das Wesentliche im Leben ist spiel sich doch woanders ab, aber niemand brauchte meine Arbeitskraft. ‚die Welt funktioniert auch prima ohne Dich’, dachte ich mir, wurde aber deswegen nicht traurig.
Die alte Frau vom Buchladen am Hafen grüßte mich, als ich eintrat, und ich erzählte mir meine Geschichte. Aus Mitleid bot sie mir an – ich sei ja eine Stammkundin - dreimal die Woche aushelfen zu dürfen. Der Lohn war mager, aber mir gefiel der Lavendelduft, und außerdem
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