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Kategorien > Aus dem Leben > Nachdenkliches

ich bin allein

von LuzVerde

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Der Wecker klingelt. Es ist 12 Uhr. Ich bin müde und möchte weiterschlafen, einfach schlafen. Doch die Sonne knallt in mein Zimmer und mein schlechtes Gewissen treibt mich doch noch aus dem Bett. Ein neuer Tag hat begonnen. Im Badezimmer angekommen starrt mich ein Gesicht an, das mir fremd zu sein scheint. Doch das bin ich. Erst einmal duschen, je heißer das Wasser ist, desto besser. Wenigstens spürt man dann noch was. Irgendwas muss man ja spüren. Nach dem Duschen kleide ich mich mit dem an, was auf dem Haufen neben meinem Bett liegt. Jogginghose und Kapuzenpullover. Aufstehen, Duschen, Ankleiden, langsam in die Küche schlurfen und Kaffee aufbrühen. Ein Kraftakt. Jeder Tag ist ein Kraftakt. Eigentlich ist mein ganzes Leben ein Kraftakt. Es ist ja nicht so, dass ich total verhunzt wäre, nein, so ist es zum Glück auch nicht. Aber das macht die ganze Sache auch nicht viel besser. Gutaussehend, gesund, Studentin, eine liebevolle Familie, drei bis vier Freunde. Eher Bekannte. Einsam, Depressiv, Unglücklich. Zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Mit dem Kaffee in der Hand lasse ich mich aufs Sofa fallen und schalte schon nahezu parallel meinen Laptop an. Ich verbringe sehr viel Zeit davor, nicht, weil ich es gerne tue, sondern weil ich sonst nicht weiß, was ich machen soll. Ich logge mich in sämtliche soziale Netzwerke ein, bei denen ich angemeldet bin, in der Hoffnung dort eine Nachricht vorzufinden. Von irgendwem. Nichts. Leere. Ich stehe auf und starre auf mein Handydisplay in der Hoffnung, dass dort eine Nachricht auf mich wartet. Von irgendwem. Ob ich Lust hätte einen Kaffee zu trinken oder so. Was man eben so in meinem Alter an einem Samstagvormittag im Sommer macht. Nichts. Ich starre aus dem Fenster, die Sonne knallt seit Wochen ununterbrochen auf die Dächer, die Pflanzen vertrocknen und dürsten, ja lechzen nach Wasser, so wie ich mich danach sehne meinem Leben zu entkommen. Ich höre draußen Stimmen, knatternde Mopeds, Lachen. Die meisten Menschen sind schon seit einigen Stunden wach, gehen ihrem geregelten Leben nach, gehen ins Schwimmbad, Eis essen, in den Park. Was man eben an einem schönen Sommertag so macht. Meine Eltern sind im Urlaub, mein Bruder ist mit Freunden im Urlaub. Ich bin alleine zu Hause. Ich hole mir eine Flasche Wasser, ziehe die Gardinen zu und schalte den Fernseher ein. Talkshows, Wiederholungen von irgendwelchen belanglosen Filmen. Ich habe Hunger. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber Kohlenhydrate trösten ja bekanntlich über so einiges hinweg. Ich koche mir erst einmal Nudeln mit Pestosauce und zum Nachtisch gibt es Schokoladeneis. Zumindest die Kalorienreiche Nahrung füllt die Leere in meinem Herzen. Ein voller Magen kann so über einiges hinwegtäuschen. Ich schaue auf die Uhr, es ist gerade mal 14 Uhr. Noch so ein langer Tag. Ich schlurfe ins Bad und betrachte mich im Spiegel. Ein schönes Gesicht. Ein trauriges Gesicht. ,,Hey du‘‘ sage ich, ,, hey du, hast du Lust einen Kaffee trinken zu gehen?‘‘. Das Gesicht schaut starr zurück. Selbst meine Stimme erscheint mir fremd. Sie raschelt wie trockenes Laub. Ich nehme Kajal und Wimperntusche und schminke meine Augen. Katzenaugen. Verdammt traurige Katzenaugen. Ich nehme etwas Rouge und trage es auf die Wangenknochen auf. Hohe Wangenknochen. Früher hatte ich mal ein rundes freundliches Gesicht. Jetzt sieht es schmal aus und traurig. Dafür habe ich nun hohe Wangenknochen, darauf sollen Männer ja stehen. Sonst habe ich von Männern keine Ahnung. Und sie von mir auch nicht. In routinierten Bewegungen trage ich meine Maske auf. Es ist nicht viel. Aber dennoch eine Maske. Sie schützt mich da draußen vor den Blicken der Menschen, davor, dass sie die Abgründe meiner Seele erblicken, dass sie erkennen wie einsam ich bin. Sie hilft mir, mein Gesicht zu wahren. Zumindest nach außen hin. Denn vor mir selbst habe ich es schon längst verloren. Ich tausche Kapuzenpullover gegen ein T-shirt, schlüpfe in meine Sportschuhe. Sobald ich die Haustür hinter mir zugezogen habe bereue ich meinen Entschluss rauszugehen. Aber ich kann jetzt nicht keifen, nicht schon wieder. Langsam setze ich mich in Bewegung und laufe. Das klappt eigentlich ganz gut. Wenn man 12 Kilometer gelaufen ist kann man Nachts verdammt gut schlafen, ohne sich über irgendetwas Gedanken machen zu müssen. Und man kann am nächsten Tag wieder Kohlenhydrate in sich hineinstopfen, ohne ein all zu schlechtes Gewissen zu haben. Am Ende gönne ich mir eine kleine Pause auf einer Bank. Ich beobachte die Menschen die hier so an mir vorbeilaufen. Glückliche Menschen. Oder sind sie vielleicht genauso unglücklich wie ich und tragen auch nur Masken auf ihren Gesichtern? Schwer vorstellbar, für mich zumindest. Ein junges Paar schlendert Händchen haltend an mir vorbei. Er sieht gut aus. Sie eher durchschnittlich, aber nett. Sie wirken glücklich. Er legt seinen Arm um sie und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. ,,Wie so etwas wohl ist‘‘ frage ich mich. Geliebt zu werden, das Gefühl in den Arm genommen zu werden. Jemand der da ist. Sich kümmert. Einfach da ist. ,,Was hat sie, was ich nicht habe?‘‘ frage ich mich dem Pärchen hinterher schauend. ,,Falsche Frage‘‘ durchfährt mich ein gemeiner Gedanke um mit einem Schauern festzustellen: ,,Ich habe Alles, was mich für andere Menschen abstoßend macht‘‘. ,,Ich bin abstoßend‘‘ denke ich. Ich will nach Hause. Als ich die Haustür aufschließe empfängt mich die Einsamkeit. Wie ein altes Mütterchen das mich nicht ziehen lassen will. Ich schaue auf mein Handy. Eine Nachricht. Eine Sensation. Eine meiner Bekannten möchte mit mir Kaffee trinken. Etwas ganz normales. Für mich ist die Einsamkeit normal. Ich bin verabredet. Ich ziehe meine vom Laufen schweißdurchnässten Klamotten aus und observiere meinen Körper. Mein Körper ist mein Feind. Runde Brüste, flacher Bauch, weibliches Becken. Ich hasse mein Becken. Ich hasse schon den Ausdruck weibliches Becken. Ich will noch mindestens 5 Kilo abnehmen und mein Becken sollte schmal sein. So, dass ich fast verschwinde. Unsichtbar werde. Mich vielleicht irgendwann auflöse und von selbst verschwinde. Duschen und Anziehen. Tasche packen. In die Stadt fahren. Meine Bekannte wartet schon auf mich. Wir begrüßen uns . Küsschen links, Küsschen rechts. Lächeln, Lachen, fröhlich wirken, das Gesicht nicht verlieren. Das Konstrukt meines Lebens besteht aus Lügen. Lügen die mir Würde verleihen. Lügen die mir Freunde verleihen, Aktivitäten, ein aufregendes Leben. Und in dem Moment glaube ich es schon fast selbst. Eine Scheinwelt in die ich flüchten kann. Wir setzen uns in eines dieser schicken Cafés. Ich betrachte ihr Gesicht. Schön ist sie nicht, aber auch nicht hässlich. Normal. Ein normaler Mensch mit einem normalen Leben, einem für mich aufregenden Leben. Sie erzählt von Männern, Männern die sie begehren, Männern mit denen sie sich trifft. Ich höre ihr zu. Ich höre mir alles an. Ab und an erzähle ich etwas von mir. Von angeblichen Verabredungen, Männern die es nicht gibt. Sie ist glücklich,

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