kalt (20)
von
Seth
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20. Masken
Herbstlaub saß in der Küche.
Irgendwo in den fernen Räumen seines kleinen Hauses schlug die Uhr, doch Herbstlaub hörte sie kaum.
Einige Stunden vergingen und Herbstlaub saß noch immer da, starrte auf den Brief.
Aus den Stunden wurden Tage und die Tage reihten sich zu Wochen auf.
Herbstlaub saß da und starrte auf den Brief.
Dann ging die Tür auf und sie kamen herein: Seine Gäste. Es war das Fest der bösen Masken. Herbstlaub hatte es ganz vergessen und es war ihm jetzt auch egal. Alles war egal!
Die Gäste nahmen keine Notiz von ihm. Sie kamen und tanzten in seiner Stube und am Abend gingen sie wieder.
Ruhe war ins Haus eingekehrt, da bemerkte Herbstlaub, dass neben ihm jemand stand.
Mühsam drehte er den Kopf und sah auf Schwarze Krähe und Drachenmähne.
Er brummte, dass sie weggehen sollten und starrte wieder auf den Brief. Drachenmähne nahm ihm den Brief weg und stellte sich so hin, dass Herbstlaub ihn ansehen musste.
"Herbstlaub", begann er, "ich weiss, was Du durchmachst, aber sieh doch: Es geht ihr jetzt besser. Ist das kein Trost für Dich?" Er sah tief in Herbstlaubs Augen und dachte: 'Herbstlaub, Du musst sehen, dass Du für die Liebe all Deine Gefühle bändigen musst. Auch die Liebe selbst.'
"Ich soll meine Gefühle unterdrücken?!", schrie Herbstlaub laut aus. "Du willst, dass ich dass alles einfach vergesse?!"
'Nein', dachte Drachenmähne ruhig. 'Du sollst es nicht vergessen. Du sollst es bändigen, lernen, es in bahnen zu leiten. Denn Liebe ist etwas sehr seltsames: Wenn man zuwenig davon hat, dann will man mehr und wenn man zuviel davon hat, dann zerstört man das, was man liebt. Du musst lernen, damit umzugehen, auch wenn es nicht möglich ist, dass Du sie vergisst.'
Eine Weile sahen sie sich an, lasen aus den Augen des Anderen.
'Danke', dachte Herbstlaub schliesslich und lies sich zurücksinken.
Niemand rührte sich. Tränen liefen an Herbstlaubs wangen herab, die ersten Tränen seit Tagen, denn er hatte soviel geweint, dass es nch einer Zeit nicht mehr ging. Aber dies waren andere Tränen. Noch vor einer Woche hatte er Tränen der Verzweiflung und Angst geweint, denn er hatte geglaubt, dass Rotrinde Blutmond nicht liebte. Nun aber weinte er Tränen des ewigen bitteren Schmerzes der Liebe. Jenen Schmerzes, nach dem sich jeder sehnt, der schon einmal verliebt war. Jenen Schmerzes, der einen bis auf den Grundriss zerstört und in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Jenen Schmerzes, der einen verbrennt bis zur Asche und verglühen lässt im eisigen Wind. Jenen Schmerzes, der sich anfühlt wie ein scharfkantiges Eisen, dass wieder und immer wieder durch den Körper gestossen wird. Und doch - Jenen Schmerzes, nach dem die Menschen süchtig sind, nach dem sie verlangen, der ihnen Kraft spendet und den sie gerne annehmen, woimmer sie ihn erreichen können.
Herbstlaub starb an diesem Schmerz.
Er fiel und fiel, aber er fiel nicht abwärts in die Hölle, sondern er wurde zerissen, wurde hinab geschleudert und emporgehoben, wurde im kreis gedreht und schliesslich ganz eng gepresst, nur um von neuem auseinanderzustreben.
Herbstlaub saß da und weinte. Und lächelte, leicht aber sichtbar. Er würde es schaffen! Für Blutmond - er würde es schaffen!
Dann verfinsterte sich seine Miene.
"Warum", fragte er und es war alles, was er herausbrachte.
"Weil", begann Schwarze Krähe, "Weil sie sich Sorgen um Dich macht. Und sie hält diese Sorgen nicht mehr aus. Darum."
Herbstlaub begann zu schluchzen. Diesmal waren es wieder Tränen der Verzweiflung.
Er hatte ihr gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen sollte. "Aber warum macht sie sich Sorgen um mich?! Es geht mir gut.", schrie Herbstlaub in Verzweiflung.
"Nein", fuhr Schwarze Krähe dazwischen. "Es geht Dir nicht gut."
"Aber es geht mir doch nur deshalb nicht gut, weil es ihr nicht gut geht. Und es geht ihr nicht gut, weill sie glaubt, dass es mir nicht gut geht. Warum also musste es so kommen?"
Schwarze Krähe sah ihn lange an. Dann drehte er sich um und ging. Herbstlaub und Drachenmähne blieben allein zurück.
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Kommentare
Seth schrieb am 2006-11-08 11:54:43:
Es fühlt sich an, wie Tausend nadelstiche? Gut - dann hast Du eine ungefähre Vorstellung davon, wie Herbstlaub sich fühlt. Ich weiss nicht, wann diese geschichte weitergeht, ob sie überhaupt weitergeht, aber das letzte, was Herbstlaub jetzt vertragen würde, wäre ein 'Mach mal hinne!'.
Lexa schrieb am 2006-11-07 00:10:44:
HUUH, ich könnte wie ein HB-Männchen in die Luft gehen. Klar les ich die Geschichte gerne, aber ich will wissen wie es weitergeht. Das ist, als wenn man von tausend Nadeln gestochen wird. LG Lexa
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