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Kategorien > Kurzgeschichte > alltag

theater

von morgaine

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Es ist Nacht. Nicht spät, vielmehr später Abend. Die Engländer sagen immer Nacht. Vielleicht weil die Stimmung schon ähnlich ist. Die verändert sich sobald es dunkel wird. Ja sogar schon sobald die Sonne weg ist. Alle gehen einen Schritt schneller. Schauen auf die Uhr. Oder sich verstohlen um, mustern ihren Nebenmann. Verschwinden in Hauseingängen, die Straße wird leerer sobald sie sich vom Zentrum entfernt. Einige biegen ein, in die kleine Seitenstraße die zum Hafen führt. Es ist dunkel, unwillkürlich bilden sich Grüppchen. Es geht vorbei an hellen Fenstern. Die Straße ist beleuchtet von vereinzelten Straßenlaternen.
Am Ende gibt es einen Hinterhof. Wer den Eingang nicht kennt stutzt, schaut sich um, überprüft die Adresse, folgt schließlich den Anderen ins Ungewisse. Eine große Glastür, vollgeklebt mit Werbung, Plakaten, Infos über aktuelle Theaterstücke. Dahinter wartet Wärme, muffige Sofa, eine Kasse und vereinzelt geschäftig aussehende Leute. Einige gehen zielstrebig durch den Raum, kaufen Getränke in großen Gläsern. Andere stehen herum, warten, ziehen lange Wintermäntel aus, sprechen mit gedämpften Stimmen, etwas unsicher. Der Raum füllt sich. Immer Mehr Menschen finden den Weg.
Eine Schrilles Kreischen ertönt. Alle zucken zusammen. Die, die sich auskennen gehen langsam zu einer weiteren großen Tür, die Anderen folgen zögernd. Eine hagere, müde aussehende junge Frau mit knallroten Fingernägeln reißt Eintrittskarten ab. Freie Sitzplatzwahl, ein höfliches Gedränge um die besten Plätze. Eine kurze Ansprache von einem kleinen buckligen Mann; die Schauspieler stehen später im Foyer für Fragen und Gespräche. Das Licht verdunkelt sich, die letzten Stimmen ersterben. Der Vorhang geht auf, die Vorführung beginnt. Ein Paar erzählt irgendetwas über Liebe und Kunst. Sie wollen sich neu finden und drehen einen Film. Nach 70 Minuten fällt der Vorhang, das Publikum klatscht, die Schauspieler verbeugen sich, gehen von der Bühne, das Licht geht an. Ende der Vorstellung. Die Tür wird geöffnet, die junge Frau in Schwarz steht hinter der Theke und bietet Getränke an. Nun kennen sich alle aus, geben sich entspannter und unterhalten sich angeregt über das Stück welches endlich Gesprächsstoff bietet. Die Schauspieler erscheinen, es werden interessierte Fragen gestellt, Kritik und Lob geäußert, die Regisseurin beglückwünscht. Nach und nach wenden sich alle dem Heimweg zu. Immer wieder kommt ein Schwall kalter Luft herein wenn die Tür geöffnet wird und sich Leute mit hochgezogenen Schultern in die Dunkelheit wagen. Nach und nach wird es ruhiger im Raum, die Darsteller gehen zur Theke, lockern die Krawatte, plaudern entspannt. Die Handwerker kommen dazu und es wird über die Vorstellung geredet. Ein Lacher wenn jemand den Einsatz verpasst hat. Der zuständige hat kurz vor Schluss die Falsche Musik gespielt. Ist aber niemandem aufgefallen. Die Regisseurin hat dies und das zu meckern. Aber schließlich war es die letzte Vorführung. Die Derniere sozudagen. Am nächsten Tag wird die Vorführung zerstört. Für einige der Schauspieler war dies das letzte Stück im Haus. Jetzt müssen sie sich ein neues Theater suchen. Der Hauptdarsteller wird noch in einer Nebenrolle für die nächste Premiere gebraucht. Schließlich kommen auch die letzten Angestellten dazu. Sie haben noch aufgeräumt. Das ist meistens Praktikantenarbeit, genau wie Kartenabreißen und Getränke verkaufen. Es werden Sprüche gerissen. Die Spannung fällt von allen ab, geschafft. Alle haben genug Geld in der Tasche um die nächsten paar Wochen über die Runden zu kommen. Der Hauptdarsteller wohnt in der Künstlerwohnung des Theaters. Dafür darf die Praktikantin bei ihm schlafen. Nachdem die letzten Gläser gespült sind verabschieden sich alle. Bis morgen, zur letzten Besprechung. Florian geht hoch in seine Wohnung, sie geht direkt mit. Beide sind durchgefroren und müde. Er geht duschen, sie macht sich einen Kaffee und setzt sich aufs gemeinsame Sofa. Vom Kartenabreißen fühlen sich ihre Arme wie Gummi an. Morgen kann sie ausschlafen. Das ist nach einer Vorstellung immer so. Er kommt mit nassen Haaren und im Bademantel herein. Etwas unsicher blickt sie ihn an, sie wohnt erst seit drei Tagen dort. Er seufzt, strubbelt sich die Haare mit seinem Handtuch und lässt sich neben sie aufs Sofa fallen. Sie sprechen nicht. Schließlich fragt sie ihn wie die Vorstellung gelaufen ist. Er sagt gut, aber er mag seine Rolle nicht. Die Hauptdarstellerin ist nicht sein Typ. Sie fragt ihn was denn sein Geschmack sei. Er sagt, er steht auf rote Fingernägel. Sie lacht und wuschelt seine Haare. Schließlich beugt sie sich langsam zu ihm herüber und lächelt. Er lehnt sich nach vorne und küsst sie. Ganz sanft, mit geschlossenen Augen. Sie berührt sein Gesicht. Streichelt seine Ohren, fasst ihm in den Nacken, während sie sich küssen. Er lässt sein Handtuch fallen, fasst sie an den Schultern und drückt sie langsam herunter bis sie auf dem Rücken liegt. Er schwebt über ihr und schaut etwas verwirrt. Schließlich streift sie ihm langsam den Bademantel ab und streichelt seinen Rücken. Plötzlich stößt sie ihn zurück, er landet auf dem Rücken. Sie sitzt aufrecht über ihm. Zieht sich ihre abgegriffene, ausgeblichene Jacke aus und lächelt dabei. Sie zieht sich ihr T-Shirt über den Kopf und beugt sich langsam zu ihm herunter. Lächelnd öffnet er ihren BH. Liebkost ihre Brüste und küsst sie.

Sie sehen sich nicht mehr an. Er muss proben. Viel. Oft. Jeden Tag. Sie hat zu tun, kann nicht dabei sein. Teilhaben an seinem Leben. Sie leben aneinander vorbei. Es gibt auch keinen Streit. Weil es einfach keine Berührungspunkte gibt. Aber bald wird die Premiere sein. Wenn alle ihm viel Aufmerksamkeit schenken wird es nicht auffallen wenn sie es auch tut. Toitoitoi usw.
In der regen Geschäftigkeit des Theaters gibt es leicht Ablenkung. Es gibt immer etwas zu tun, und so fällt es auch nicht auf wenn jemand etwas abwesend ist. Die Betriebsamkeit fängt einen auf. Man hat teil, einfach weil man etwas tut. Und dabei ist. Und mitlacht wenn einer einen Witz macht. Oder eigene Anekdoten preisgibt. Aber nicht von jener Nacht. Das ist zu geheim. Und zu wertvoll. Und das einzige was sie jetzt noch haben.

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