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Kategorien > Kurzgeschichte > Gedanken

vielleicht-maybe-peut-être-forse-capaz-może-t

von Liam

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''Wieso haben Sie das getan?''
James sitzt auf einem Stuhl und blickt in Marcs Richtung. Marc kauert in einer Ecke des Zimmers und kaut auf seinen Fingernägeln. ''Wieso haben Sie das getan?'', fragt James nochmal, energischer als davor. Marc blickt kurz in James' Augen, dreht den Kopf aber sofort wieder in eine andere Richtung. Er hat Angst, weil er weiß, dass er irgendwann reden muss. Er weiß auch, dass es besser ist, jetzt zu reden und nicht zu warten, bis James wütend wird. Aber er traut sich nicht, deshalb muss er warten. James steht auf und öffnet ein Fenster, ein Lichtstrahl fällt in den Raum. Die Tür klickt, der Knauf dreht sich, aber James hat die Tür abgeschlossen. Marc guckt zu der verschlossenen Holztür. Jemand klopft von außen, jemand sagt etwas, aber nur ein dumpfes Geräusch ist zu vernehmen. James blickt zu Marc, der mit glasigen Augen die Tür anstarrt. Würde es eine Möglichkeit für ihn geben, sich selbst zu erschießen, würde er sie nutzen.
Einen Moment später knallt James einige Zettel auf den Tisch, der in der Mitte des Zimmers positioniert ist. Das Mondlicht fällt auf den Papierstapel und Marc kann erahnen, worum es sich handelt. ''Das sind Informationen, über Sie, Corwin.'' Damit bestätigt James, was Marc schon befürchtet hatte. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern, bis James ihn zwingen würde, denkt Marc und schluckt. ''Corwin, Sie sollten reden, das ist besser für Sie und für mich.'', James Geduld scheint nachzulassen, denkt Marc. Es klopft wieder an der Tür, diesmal sind mehrere Stimmen zu hören, aber James hat wohl wenig Interesse an Gesellschaft.
Es ist sein Fall und er möchte ihn schnellstmöglich abschließen. ''Das hilft Ihnen gar nichts, Corwin'', fährt James fort, sichtlich erschöpft. ''Sie werden ihre Strafe bekommen, aber wollen Sie mir nicht noch sagen, wieso sie das alles veranstaltet haben?''
Marc weiß das alles, er weiß auch, dass es absurd ist, James alles zu sagen. Aber es bleibt ihm nichts anderes übrig, er weiß nämlich auch, dass er das Zimmer nicht verlassen würde, wenn er nichts sagen würde. Früher oder später, das weiß auch James, muss Marc den Mund aufmachen.
James setzt sich wieder auf den Stuhl, steckt einen Finger in seine Jackentasche und zieht eine Zigarette heraus. Er zündet sie an und drückt sie nach zwei kurzen Zügen aus. ''Könnte ein Anzeichen sein, dass er nervös ist'', denkt Marc. James steht auf, geht einen Schritt in Marcs Richtung und blickt auf ihn herab. Er sieht eine armselige, leblose Kreatur vor sich, zusammen gekauert und ständig in eine Richtung blickend. James zieht einen Block mit angestecktem Stift aus seiner Hosentasche und wirft sie vor Marcs Schuhe. Dann geht er wieder zurück in die Raummitte und stützt seine Hände auf den Tisch. Marc wirft einen flüchtigen Blick auf den Block und den Stift. ''Wahrscheinlich ein Werbegeschenk'', denkt er und seine Augen blitzen kurz auf. ''Schreiben Sie es auf, Corwin, wenn Ihnen das leichter fällt''
Marc spielt kurz mit dem Gedanken, dann denkt er aber darüber nach, ob es nicht vielleicht falsch wäre, alles auf einem Werbegeschenk festzuhalten. Es klopft wieder an der Tür, einmal und schwächer als davor. James scheint nicht weiter zu wissen, denn eine ganze weile vergeht, in der James nur dasteht und Marc nur dasitzt. Nichts passiert, auch das Klopfen an der Tür scheint aufgehört zu haben. Dann seufzt James. Er seufzt, wie ein Mann, der gerade seine Frau hat sterben sehen. Marc überlegt, ob James eine Frau hat, und was sie wohl gerade macht. Vielleicht ist sie wütend auf Marc, weil er ihren Mann so lange aufhält. Aber vielleicht hat James auch keine Frau und nach Marcs Einschätzung, wäre das nicht weiter verwunderlich. James war, in Marcs voreingenommenen Augen, ein sehr komplizierter Mensch. Nicht dumm, aber mit seltsamen Ansichten und Vorstellungen. Sonst hätte er einen anderen Beruf gewählt. ''Corwin, ich habe langsam keine Lust mehr.''
''Wieso erschießen Sie mich denn nicht einfach und denken sich eine Geschichte aus'', möchte Marc sagen, aber seine Stimme ist verschwunden. ''Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als alles aufzuschreiben'', denkt Marc. Es klopft an der Tür, lauter und es hört nicht auf. ''Da scheint jemand sehr wütend zu sein'', denkt Marc und er wundert sich ein wenig, wieso James die Tür nicht öffnet.
Er will James fragen, wieso er die Tür nicht öffnet, aber seine Stimme ist weg. ''Es geht zu Ende mit mir, James wird die Wahrheit nicht erfahren'', Marc muss sich ein Grinsen verkneifen. James hat sich wieder hingesetzt und sortiert die Überreste im Aschenbecher zu einem kleinen Haufen. Er sieht gelangweilt aus. ''Vielleicht hat er auch abgeschlossen, mit seinem Leben, genau wie ich''
Marc weiß nicht, was diese Vorstellung soll. Es ist auch nicht so wichtig, aber worüber sollte er sonst nachdenken. ''Ich brauche jemanden, der meine Stimme wieder zurückbringt und ich will hier raus'', denkt Marc und stampft zu seinem eigenen Erstaunen laut auf den Boden des Zimmers. Einmal und sehr laut berührt sein Linker Fuß das Holz und Marc hört das resultierende Geräusch. James sitzt da und sortiert Asche. ''Es scheint Ihn nicht zu interessieren'', wundert Marc sich über James fehlende Reaktion. Es klopft immer noch an der Tür. ''Vielleicht sollte ich einfach versuchen zu gehen, vielleicht interessiert ihn das auch nicht'', Marc bewegt seinen schmalen Körper nach oben und steht dann auf seinen wackeligen Beinen. James zwinkert nicht einmal, wie eingefroren sitzt er da, mit einem Stümmel in der Hand. ''Vielleicht überlegt er ja, was er damit machen soll, damit etwas schönes entsteht''
Marc will James etwas fragen, aber er bleibt stumm. Er geht auf die Tür zu, ergreift den Knauf und das Klopfen hört auf. Vor Marcs Augen steht eine Frau, Marc kennt sie gut, sie drückt ihm eine Waffe in die Hand, einen Revolver. ''Danke'', flüstert Marc, seine Stimme scheint langsam wieder zu kommen. Die Frau war der Grund, warum Marc in dem Raum gekauert hatte, er hatte versucht sie zu töten. Mehrmals. ''Jetzt gehe ich James töten'', denkt Marc und ein Lächeln blitzt in seinem Gesicht auf. Er tritt zurück in den dunklen Raum, James sitzt an dem Tisch und sortiert die Asche seiner Zigaretten. ''Wieso macht er das?'', fragt sich Marc. Dann erschießt er ihn und legt die Waffe auf den Boden. Es löst sich ein weiterer Schuss. Marc sackt zusammen, grinsend. ''Vielleicht ist es ja besser so'', denkt er und sein Kopf schlägt auf das Holz, geräuschlos. Im Mondlicht sieht er, dass der Block keinesfalls leer ist. Viel eher stehen Informationen darauf, über James Gulliver.
''Er hat eine Frau vergewaltigt'', wundert sich Marc. ''Wahrscheinlich hatte er also keine Frau. Oder er hat sie betrogen''

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